VfE attackiert AWO-Forderung nach ausschließlich kostenfreier Schuldnerberatung
Johann Tillich • 17. Dezember 2025
Johann Tillich: „Die AWO verteidigt ein überlastetes System – auf dem Rücken der Betroffenen und der Steuerzahler.“

Der Verein für Existenzsicherung e.V. (VfE) widerspricht der Forderung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Verbraucherzentrale, Schuldnerberatung grundsätzlich und ausschließlich kostenfrei anzubieten. Nach Auffassung des Vereins ist diese Position realitätsfern, sozialpolitisch kurzsichtig und mitverantwortlich für die bestehenden Versorgungsengpässe in der Schuldnerberatung.
„Die AWO spricht von sozialer Daseinsvorsorge, verschweigt aber die Realität“, erklärt Johann Tillich, Vorstand des Vereins für Existenzsicherung e.V. „Ein System, das kostenlos ist, aber Wartezeiten von sechs Monaten oder mehr produziert, ist keine Hilfe – es ist organisierte Verzögerung.“
Seit Jahren gebe es in Deutschland Millionen überschuldeter Haushalte, während karitative Schuldnerberatungsstellen nur einen Bruchteil davon erreichen. Die Folgen seien eskalierende Schulden, Kontopfändungen, Wohnungsverlust und zunehmender sozialer Abstieg.
Beratungshilfe statt ideologischer Kostenfreiheitsdebatte
Der VfE kritisiert insbesondere die pauschale Ablehnung jeder Kostenbeteiligung durch die AWO. Dabei existiere mit der Beratungshilfe längst ein sozial ausgewogenes Instrument.
„Bei der Beratungshilfe prüft das Gericht die Bedürftigkeit“, so Tillich. „Wird sie bewilligt, zahlt der Schuldner nichts. Wird sie abgelehnt, heißt das: Die Person ist finanziell in der Lage, die gesetzlich festgelegte Gebühr selbst zu tragen. Genau so sieht soziale Gerechtigkeit aus.“
Damit werde verhindert, dass Personen kostenlose Leistungen in Anspruch nehmen, obwohl sie diese bezahlen könnten – ein Punkt, den die AWO in ihrer Argumentation konsequent ausblende.
Kalkulierbar, niedrig, zumutbar
Entgegen der Darstellung karitativer Verbände seien die Kosten im Rahmen der Beratungshilfe weder unzumutbar noch sozial ungerecht.
„Die Vergütung im Rahmen der Beratungshilfe ist gesetzlich geregelt, niedrig und für den Steuerzahler klar kalkulierbar“, betont Tillich. „Selbst bei umfangreichen Fällen mit mehr als 15 Gläubigern liegen die Kosten unter 1.000 Euro. Diese Beträge können – falls keine Beratungshilfe gewährt wird – auch in Raten gezahlt werden.“
Die Behauptung, überschuldete Menschen seien grundsätzlich nicht in der Lage, solche Beträge zu tragen, weist der VfE entschieden zurück.
„Das ist eine pauschale, unbelegte und paternalistische Unterstellung“, so Tillich. „Wer wirklich bedürftig ist, erhält Beratungshilfe. Wer sie nicht erhält, kann die Kosten tragen. Genau dafür gibt es die gerichtliche Prüfung.“
AWO blockiert notwendige Reformen
Nach § 305 Insolvenzordnung sind neben karitativen Stellen auch Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer als geeignete Schuldnerberatungsstellen zugelassen. Diese verfügten über erhebliche Kapazitäten, würden aber politisch bewusst ausgegrenzt.
„Die AWO verteidigt ein System, das sie selbst nicht mehr finanzieren kann“, kritisiert Tillich. „Statt vorhandene professionelle Strukturen einzubinden, wird ideologisch an der absoluten Kostenfreiheit festgehalten – mit dem Ergebnis langer Wartezeiten und regionaler Ungleichheit.“
„Kostenfreiheit ist kein Selbstzweck“
Der Verein für Existenzsicherung e.V. fordert daher eine grundlegende Reform der Schuldnerberatung:
Alle zugelassenen Schuldnerberatungsstellen sollen bundesweit einheitlich über die Beratungshilfe abrechnen können.
„Soziale Daseinsvorsorge bedeutet Zugang, Qualität und Verfügbarkeit“, so Tillich abschließend. „Kostenfreiheit ist kein Selbstzweck. Wer sie absolut setzt, verhindert Hilfe statt sie zu ermöglichen.“



